Die Arbeit der Nacht.

Gerade lese ich “Die Arbeit der Nacht” von Thomas Glavinic und habe wegen des Titels und der Wirkung beschlossen, das Buch auch nur in der Nacht zu lesen. Erarbeiten brauche ich es mir nicht, dazu ist es zu spannend, zu kompromisslos und auch zu sehr mein Thema. Es ist ja wahrscheinlich so, dass du und ihr euch sicher auch in eurer Kindheit vorgestellt habt, wie das so ist, wenn man plötzlich der einzige Mensch (Nein, dem Buch zuliebe muss ich Lebewesen sagen) auf der ganzen Welt wäre; als Bube war das für mich ein erregender Rausch, in dem ich im Supermarkt alles aß, was ich sonst nie durfte, weil meine Umgebung ja damals gesagt hat, ich sei zu dick; in meinem Traum vom Alleinsein stopfte ich mich also mit Pommes, Schnitzel, Wurstsemmel, Schokolade und Eis voll und plünderte dann das Spielzeuggeschäft unserer Stadt.

Noch mehr getriggert hat mich zum Thema später der Roman von Richard Matheson, “I Am Legend”, aus dem Jahr 1954. Gelesen habe ich den zwar nie, dafür aber gesehen, gleich dreimal, denn der wurde ja auch dreimal verfilmt – einmal 1963 als “The Last Man On Earth” mit Vincent Price, dann 1971 als “Der Omega-Mann” mit dem herrlich todernsten, obsessiven Charlton Heston (meine Lieblingsversion, auf meiner DVD gibts da auch so ein Special, das die damals dazu gedreht haben, wo so ein Mind Control-Doktor mit superdicken Brillengläsern mit dem Heston über den Film diskutiert, alles superernst und lächerlich zugleich) und dann war da noch die 2007er-Version von “I Am Legend” für Videospiel-sozialisierte Kids mit Will Smith – ein paar eindrucksvolle Szenen, mehr ist da nicht hängengeblieben bei mir.

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Ach ja: In dem Buch von Matheson und in den Filmen geht es darum, dass ein Mann namens Robert Neville der letzte Mensch auf der Welt ist, alle anderen sind zu Vampiren mutiert. Ich sehe da gleich zwei Probleme – weil man nämlich normalerweise automatisch glaubt, dass die Überlebenden zu Zombies werden, was sie aber hier nicht sind (eigentlich aber egal, weil beide Mutantenrassen den Menschen oder in dem Fall diesem Menschen nix Gutes wollen; die einen gieren nach seinem Blut und die anderen nach seinem Gehirn und Darm). Zweitens ist ja auch der Titel ein wenig irreführend, man müsste eigentlich sagen: “Der letzte Mensch auf der Erde und die vielen Monster, gegen die er kämpfen muss”, das klingt aber popkulturell nicht so wahnsinnig sexy.

Es ist mir aber bei meinen nächtlichen Lesungen von Thomas Glavinics “Die Arbeit der Nacht” aufgefallen, dass der vorher genannte Roman von Matheson und seine Verfilmungen lange nicht so bedrückend sind wie dieses Buch. Sicherlich, gegen Vampire oder Zombies (bei den heutigen Postapokalypsen sind es immer Zombies) zu kämpfen ist ungut, und irgendwann unterliegt man ja auch so zahlenmässig als “letzter Mensch der Welt” – andererseits ist man aber auch ganz schön abgelenkt bei dieser ganzen Kämpferei ums Überleben und merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht. Also wie gesagt, da man ja als einziger Mensch gegen (im Endeffekt) ca. 6 Milliarden Mutanten kämpft, wird man jetzt auch nicht soo lange auf der Erde verweilen, bis einem langweilig ist.

Bei “Die Arbeit der Nacht” ist es hingegen so, dass der Protagonist, den wir nur unter dem Namen Jonas kennenlernen, tatsächlich das einzige Lebewesen auf der Erde ist; warum, weiß er und wissen wir auch nicht. Da sind nicht nur alle Menschen plötzlich futsch, sondern auch alle Tiere, keine Vögel zwitschern, keine Fliege summt; diese Stille, mitten in Wien, die ist ohrenbetäubend. Und so bricht Jonas auch nicht freudestrahlend in Spielzeuggeschäfte ein, sondern reagiert schreckhaft und paranoid. Diese Gefühle kenne ich aber auch: Nach meiner Scheidung vor einigen Jahren saß ich in einem neu renovierten und umgebauten Haus im Wald und fühlte mich einfach nur einsam. Damals hätte ich ein winziges Zimmer jederzeit dem Zustand vorgezogen, in leeren Räumen auf frischgeweißte Wände zu starren. Wenn ich heimkam, kontrollierte ich jeden Winkel, machte überall Licht, drehte alle Geräuschquellen an. Wovor ich mich da genau fürchtete, weiß ich bis heute nicht – beim Schlafengehen sperrte ich mich immer in mein kleines Schlafzimmer unter dem Dach ein. So wie Jonas wurde ich ebenfalls zunehmend immer paranoider, glaubte irgendwann, auf der Galerie im ersten Stock würden irgendwelche Wesen stehen und mich kalt anstarren; im Augenwinkel sah ich das oft – wenn ich mich dann blitzartig umdrehte und hinstarrte, war da natürlich nichts zu sehen.

Während dies bei mir nur Scharaden meiner verletzten Psyche gewesen sein mögen, ist es bei unserem Protagonisten Jonas so, dass tatsächlich etwas nicht stimmt. Es sind zu Beginn nur Kleinigkeiten, die aber mit der Zeit darauf hindeuten, dass vielleicht irgendetwas ihm Botschaften zukommen lässt, sie sind aber einfach nicht deutbar. So verstrickt sich Jonas immer mehr in ein Spiel, das jemand mit ihm spielt und das er nicht versteht (oder aber dass er mit sich selbst spielt). Das von Glavinic penibelst aufgezeichnete Grauen breitet sich aus, nimmt immer monströsere Formen an; da liest sich das Buch in der Nacht dann schon wie ein schauriger Mysteryroman, freilich ohne jemals auch nur in irgendwelche Plattitüden zu verfallen.

Denn, selbst in den unheimlichsten Seiten von “Die Arbeit der Nacht” zeigt uns Thomas Glavinic immer wieder, worin der wahre Horror des letzten Lebewesens auf der Welt besteht – in der gnadenlosen Zurückgeworfenheit auf sich selbst. Da wird es dann so richtig lynchesk, wenn zum Beispiel plötzlich das Telefon läutet und Jonas nur das Echo seiner eigenen, hysterischen Stimme hört, oder gemurmelte Sätze von sich selbst auf zur Kontrolle aufgestellten Cassettenrecordern vorfindet, obwohl er zur Zeit der Aufnahme ja in seinem Bett gelegen und tief geschlafen hat. Oder doch nicht? Hat sich da ein Teil seines Bewußtseins abgespalten und schleicht selbsttätig durch die verlassene Stadt?

Die Arbeit der Nacht” von Thomas Glavinic ist ein meisterhaftes Kammerspiel auf vielen, immer die Tiefe führenden Ebenen und einer sich mit der Fortdauer dieses ausweglosen Romans immer mehr aufdrängenden Frage: Wie real sind wir eigentlich ohne die Interaktion mit anderen Lebewesen?

Das Buch kannst du hier als Printausgabe, hier als Ebook bestellen.

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